|
Einführung
Wenn Unternehmer in den viel versprechenden chinesischen Markt einsteigen wollen, stellen sie oft ernüchtert fest:
es gibt sie gar nicht, die internationale einheitliche Hauptsprache des Wirtschaftsdenkens. Vielmehr kommen die
kulturellen Unterschiede gerade im Wirtschaftsbereich voll zum Tragen.
Eine Reihe von Verhaltens- und Denkweisen chinesischer Partner sind unserem Kulturkreis völlig fremd. Wer sie
kennt, kann auf bestimmte Situationen angemessen reagieren. Er vermeidet, dass es mitten in den erfolgreichsten
Verhandlungen zu unerwarteten Konflikten kommt und kann im chinesischen Markt nachhaltig Fuß fassen.
Manager, die mit Chinesen erfolgreich zusammenarbeiten, verstehen deren anderes Denken und Fühlen. Sie nutzen
diesen Wissensvorsprung. Sie kennen die spezifisch chinesische Herangehensweise bei der Koordination von Prozessen
und stimmen ihre Planungen daraufhin ab. Außerdem können sie zwischen den Zeilen lesen und beherrschen die
Sprache des Nichtgesagten.
Diese Verhaltens- und Denkweisen möchte Ihnen dieses Buch näher bringen.
Auf die Feinheiten achten
China als ein Land wie Deutschland oder Frankreich zu betrachten, entspricht nicht dem wahren Verhältnis. China
ist eine eigene Welt mit einer Einwohnerzahl (1,330 Milliarden) von fast 20 Prozent der Weltbevölkerung
(rund 6,7 Milliarden) und einer Fläche (9.571.302 km²) vier mal größer als die Europäische Union
(4.324782 km²) oder 27 Mal die Fläche Deutschlands (357.104 km²). Das Staatsgebiet gliedert sich in 22 Provinzen
(ohne Taiwan) und fünf autonome Gebiete. Peking, Shanghai, Chongqing und Tianjin sind die vier
regierungsunmittelbaren Städte, die direkt der Zentralregierung in Peking unterstehen. Weiterhin gibt es noch
zwei Sonderverwaltungszonen (Hongkong und Macao) , die sich wirtschaftlich und teilweise ideologisch unterschiedlich
entwickeln. Chinas Administrations-Spektrum ist mit der Europäischen Union zu vergleichen.
Während die Großstädte in Festlandchina wie Peking, Shanghai, Wuhan, Shenzhen, oder Chongqing
in rasantem Tempo wachsen, ist der riesige Restteil des Landes im Gegensatz dazu immer noch unterentwickelt.
In China lassen sich viele Extreme und Widersprüche gleichzeitig entdecken: Moderne vs. Rückstand, Reichtum vs. Armut,
Tradition vs. Verwestlichung, Rücksichtnahme vs. Rücksichtslosigkeit, sowie staatliche Zensur vs. Gesetzlosigkeit.
China befindet sich im Sturm der Umorientierung und lässt sich nicht mit einem Maßstab messen.
Die Bezeichnung "die Chinesen" beinhaltet allgemein alle chinesischstämmigen Weltbürger. Jedoch gibt es
feine Unterschiede zwischen "den Chinesen". Die Menschen in Festlandchina, Hongkong, Macao, Taiwan, Singapur und in
den "China-Towns" weltweit unterscheiden sich in Denken und Verhalten aufgrund des unterschiedlichen politischen und
gesellschaftlichen Umfelds deutlich voneinander. Hongkong, Macao und Taiwan mit China in einen Topf zu werfen oder
gar zu verwechseln ist für die reichen "kleinen" Gebiete ein großes Fettnäpfchen. Für
Festlandchinesen ist es aufgrund der nationalistischen Propaganda der Regierung eine klare Sache, dass sich das
Hoheitsgebiet Chinas westlich von Xinjiang bis östlich der Insel Taiwan erstreckt. Hongkong und Macao gehören
zwar seit 1997 bzw. 2000 wieder zu China, jedoch freut es die Bewohner Hongkongs und Macaos überhaupt nicht,
mit Festlandchinesen verwechselt zu werden. Daher bezeichnen sie sich selbst lieber als Hongkongchinesen bzw.
Macaochinesen. Taiwan findet international kaum politische Anerkennung, bewahrt aber in politischer und wirtschaftlicher
Hinsicht seine Selbstständigkeit. Trotz der Schwierigkeiten auf internationaler Ebene bleiben die Einwohner
Taiwans politisch und ideologisch eigenständig. Gemeinsam mit Hongkong ist Taiwan der größte Investor
in Festlandchina, inoffiziell, versteht sich.
Abgesehen von den geschilderten Unterschieden haben alle "Chinesen", unabhängig vom Wohnsitz, eine Gemeinsamkeit
- die kulturelle Wurzel. Diese gemeinsame, kulturelle Herkunft verbindet sie, da sich die kulturelle Prägung
in der Mentalität sowie in bestimmten Verhaltens- und Kommunikationsweisen deutlich widerspiegelt, und sie
von anderen Kulturen abgrenzt. Hongkongchinesen, Taiwanesen und Übersee-Chinesen sind einerseits verwestlichter
und erkennbar von der abendländischen Kultur geprägt. Andererseits halten sie an traditionellen Werten
und Normen des "alten" China noch stärker fest als die Einwohner des Festlandes. Aus diesem Grund haben die
im Westen allgemein als "typisch chinesisch" bezeichneten Denk- und Verhaltensweisen in den chinesischen Gemeinden
weltweit Gültigkeit.
Dieses Buch behandelt die universell chinesischen Eigenschaften und Gepflogenheiten. Um die Erklärungen zu
vereinfachen, werden hauptsächlich die verallgemeinernden Ausdrücke "China" und "Chinesen" verwendet.
Im Fall großer Unterschiede werden Hongkong und Taiwan spezifisch benannt.
Ziel und Struktur des Buches
Der Kernpunkt dieses Buches ist die Mentalitätsannäherung zwischen Deutschland und China mit
der Zielsetzung, eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten. Die ausgesuchten Arbeitsthemen wie Kennenlernen,
Hierarchie, Geschenktradition, Essen und Trinken in der Geschäftswelt Chinas werden umfangreich behandelt.
Unter dem Motto "richtig verstehen und danach handeln" werden neben kulturspezifischen Besonderheiten der
Geschäftswelt die Hintergründe der Geschäftsgepflogenheiten sowie die Denklogik und die dazugehörigen
Handlungsgrundsätze der Chinesen ausführlich behandelt.
Das Buch erklärt nicht nur, wie man bei einer Geschäftsanbahnung mit Chinesen vorgehen sollte, sondern
erläutert schwerpunktmäßig, warum sich Chinesen immer noch so verhalten, wie es ihrer Sichtweise nach sein
sollte. Es erklärt die Werte und Normen in der heutigen chinesischen Gesellschaft sowie die Erwartungshaltung
der Chinesen an die ausländischen Partner.
Weiterhin werden die Sachverhalte des gesellschaftlichen und geschäftlichen Geschehens aus chinesischer
Perspektive zur Diskussion gestellt. Eine Erweiterung des Blickwinkels ermöglicht es, Chinesen besser zu verstehen.
Dieses Verständnis wiederum verleiht die Fähigkeit, sich in China angemessen zu verhalten und adäquat
mit Chinesen umzugehen.
Zahlreiche Beispiele aus der Praxis, umfassende Erfahrungsberichte aus China und Deutschland, konkrete Tipps,
hilfreiche Handlungsempfehlungen sowie praxisbezogene Übungen sind Bestandteil des Buchs und unterstützen
den Leser dabei, die gewonnene Erkenntnis in konkretes Handeln umzusetzen.
In diesem Buch werden unter anderem folgende Fragen beantwortet:
- Wie können gute Geschäftsbeziehungen mit Chinesen entwickelt und erhalten werden?
- Welche Besonderheiten sollten bei der Geschäftsabwicklung mit Chinesen beachtet werden?
- Wie können Sie die Handlungsweise Ihrer chinesischen Partner besser verstehen?
- Wie ist die Denkweise der Chinesen?
- Was erwarten chinesische Geschäftsleute von ihren deutschen Partnern?
- Wo liegen die potentiellen Konfliktbereiche?
Das Buch bietet keine Rezepte und ist auch kein Allheilmittel, mit dem Sie wie mit Zauberhand sofort alle
Peinlichkeiten vermeiden, oder flink und mit minimalem Einsatz erfolgreiche Kontakte mit chinesischen Geschäftspartnern
herstellen. Interkulturelle Kompetenz will erlernt sein und verstärkt sich mit der Zeit und wachsender Erfahrung
- ein Vorteil für alle Leser, die sich bemühen, China besser zu verstehen. In diesem Sinne - viel Spaß
mit diesem Buch!
nach oben
|